Der Riss

Der Sessel ist nicht eben der bequemste – billiger Ramsch aus dem Großmarkt; er hätte sich diese ekelhaft unauffällige Garnitur, die kaum zum Sitzen taugt, geschweige denn ästhetischen Genuss vermittelt, niemals kaufen sollen. Zu allem Überfluss tut der zäh nachgebende Bezug auch noch so, als sei er aus Leder; künstliche Poren und Falten bemühen sich vergeblich um eine Illusion von Echtheit.

Aber was stört ihn das jetzt, wo es ihm sowieso nie etwas ausgemacht hat? Wenn er abends nach Hause zurückkam und sich in eines dieser erstickend weichen braunen Polster warf, hatte ihm der Bürostuhl ohnehin längst das Kreuz verbogen. Genauso gut hätte er sich ins Leere werfen können; vielleicht hatte er diese Einsicht verdrängt, vielleicht trieb ihn ein unbewusster Instinkt immer wieder in die gleiche zerknautschte Mulde. Sein Gesäß traf im Lauf der Jahre immer genauer und routinierter das Ziel, ohne dass er überhaupt hinsehen musste. Auch für das möblierte Halbdunkel um ihn herum hatte er kaum einen Blick; es reduzierte sich in seiner Wahrnehmung vollständig auf ein einziges flimmerndes Rechteck – seinen letzten wirklichen Freund, seinen Fernseher.

Wenn er jetzt, nach wer weiß wie langer Zeit, wieder die unveränderte Anordnung der Konturen und Oberflächen des Mobiliars anstarrt, dann nur, weil die gealterte Bildröhre mit ihrem graublau wabernden und zuckenden Farbgemisch inzwischen die Augen schmerzen lässt. Länger als fünf Stunden hält er es nicht mehr aus, die Pupillen ununterbrochen auf diesen Fixpunkt auszurichten und sich an den Bildern festzusaugen.

Vielleicht hätte er sich längst auf neue Technik umstellen sollen: Flachbildschirm, Surround-Sound, Festplattenrecorder, alles voll digital. Vielleicht hätte ihm das neue Impulse gegeben, vielleicht noch Durchhaltevermögen für ein paar Jahre. Und dann – wer weiß. Vielleicht gibt es dann dreidimensionales Fernsehen, Bilder zum Greifen, Holographien mitten im Raum. Oder Fernsehen mit Geruch, bestimmt genug für noch mal zehn Jahre. Aber zehn Jahre hier? In diesem Sessel, in dieser Wohnung? Unmöglich, ausgeschlossen. Irgendwann werden die Vorräte ausgehen, wird das Wasser abgedreht und der Strom gesperrt werden; dann ist es eh aus mit dem Fernsehen. Man wird Gebühren kassieren wollen. Die Miete wird fällig werden. Man wird ihn aus der Wohnung treiben, notfalls mit Gewalt. Doch noch braucht er sich keine Sorgen zu machen. Solange Kartoffelchips und gesalzene Erdnüsse den Magen beschäftigen, solange das schützende Halbdunkel Tag und Nacht nicht aufbricht und ihm im Nichts der Gedanken noch kunstlederne Geborgenheit gewährt, solange kann er ausharren und warten. Nur…auf was?

Seit seiner Flucht denkt er nicht mehr nach vorn, horcht er nur noch in sich hinein, um sich zu vergewissern, dass auch aus seinem Inneren kein Klopfzeichen mehr kommt. Die Türklingel schweigt seit langem, das Telefon ist sowieso nur Staffage. Obwohl er sich seit Tagen nicht mehr im Betrieb und am Zeitungskiosk gemeldet hat, scheint man ihn nicht zu vermissen; kein Mensch interessiert sich für ihn. Den Computer hat er längst in einem Anfall blinder Wut zerschlagen, nicht einmal die virtuelle Welt da draußen nimmt noch Notiz von seinem Dasein. Und dem Bildschirm, der ihn seit siebzig Stunden mit fahlfarbigem Flimmern höhnisch liebkost, ist er wahrscheinlich noch gleichgültiger. So bleibt nur der Sessel, der ihn in dumpfer Taubheit weich und kunstledern umfängt, die Salznüsse, die Finger und Kiefer ständig in greifender und mahlender Bewegung halten, das Schlurfen von seiner flimmernden Insel in die Küche und zurück, auf die Toilette und zurück, zum Vorratsschrank und zurück.

Man müsste das Telefon zum Klingeln bringen können – irgendwelche Kontakte schließen, mit einem Schraubenzieher, einem Draht…aber nein, Unsinn, man kann es ja doch nicht so drehen, dass jemand von außen anruft. Wozu auch. Jede Störung würde ihn nur wieder unsicher machen, jetzt, wo er seine Erwartungen an die Außenwelt abgeschrieben hat. Nein, kein Eindringling wird an die Immunität seiner Insel rühren, an sein Refugium, das ihm den letzten Schutz vor sich selbst gewährt. Hier hat keiner mehr etwas verloren außer ihm selbst. Er langt sich eine neue Portion Nüsse.

Wenn nur die Fragen nicht wären. Diese Fragen, die sein pochendes Hirn im Stundenrhythmus durchkreisen und nie auf eine Antwort treffen. Warum durchbricht er seinen Zustand nicht, warum gerade jetzt nicht, wo jedes Ausharren sowieso zwecklos ist? Warum musste er aussteigen, ohne den Einstieg in etwas Neues zu suchen? Er sammelt seine wild verstreuten Gedanken vor den unnachgiebig grellen Zuckungen des Werbefernsehens von neuem und lässt sie wieder fallen.

War es die Sache im Büro, als er merkte, dass er, gerade er und niemand anders, der Hanswurst war, der Letzte in der Hackordnung, obwohl er diese Vorstellung immer wieder beiseite geschoben hatte? Fast auf den Knien war er zu seinem Chef gekrochen, nur um die drohende Kündigung in eine Versetzung umzubiegen. Und dabei hatte er nicht einmal von den Überschüssen gewusst, mit denen andere auf seine Kosten und auf Kosten der Firma spekuliert hatten. Warum war er nicht auch so clever gewesen? An ihm lief das große Geschäft, liefen Macht und Karriere vorbei; statt Einfluss und Gewinn blieben ihm nur sein Schreibtisch und seine Zahlen. Zahlen, die andere für ihn machten. Es war ihm ja genug gewesen – nur demütigen hätte man ihn nicht dürfen, nein, das nicht. War es das?

Oder war da nicht auch die grenzenlose Enttäuschung über den endgültigen Untergang seiner zweiten Insel, seines jahrelang als Schutzkäfig und Alibi beanspruchten silbergrauen Coupés? War es die Sache mit Vera? Ja…natürlich, auch das könnte es gewesen sein. Oder auch alles zusammen. Na und? Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Immer nach vorn sehen, ins Plätschern der zerrinnenden Zeit und auf den Bildschirm! Nachdem er die letzte Verbindung zur Außenwelt aus seinen brüchigen Sinnesorganen verloren hat, schwebt er als unabhängiges System im Kosmos, niemandem Rechenschaft schuldig, nicht dem Elektrizitätswerk, nicht der Wohnungsgesellschaft und schon gar nicht dem Chef. Und erst recht nicht seiner…was war sie denn überhaupt für ihn, Vera, die nur noch in den Liegesitzen seines silbergrauen Coupés etwas Interessantes an ihm gesehen hatte? Das Coupé steht mehr grau als silbern auf dem Schrottplatz, uninteressant für ihn. Und sie – soll sie doch sein, wo sie will, auch das interessiert ihn jetzt nicht mehr. Er hat seine Salznüsse, seine Mattscheibe und seine Kunstledermulde, das reicht für die Reise durch Zeit und Ewigkeit.

Und was ist mit den Liegesitzen? Vermisst er nicht den aufreizenden Geruch von Schweiß und warmen Armaturen, von Kunststoff und muffigem Wind aus den Lüftungsdüsen? Denkt er nicht zuweilen noch an das Raunen des Ventilators, die knarrenden Polster unter dem dünn gefütterten Dachhimmel, das wortlose Wälzen der nackten Körper hinter beschlagenem Sicherheitsglas?

Ach was. Sein Rückzug aus der Welt ist beschlossen, ein unüberbrückbarer Graben liegt hinter ihm, dessen anderes Ufer keinen Reiz mehr für ihn hat. Gestern konnten ihn Niederlagen noch betroffen machen, jetzt treibt er frei und allein im Meer der Dämmerung, schmerzlos, gefühllos. Das Lichtviereck der Küche ist die äußerste Bastion seines kosmischen Inselreiches, die Wände sind Grenzen zwischen Geborgenheit und feindlicher Nacht. Er dreht sich suchend im Kreis und prüft die Uneinnehmbarkeit seiner Festung, dann greift er mechanisch zu einer herumliegenden Tüte Kartoffelchips und zu einer neuen Flasche Pils.

Im Vorbeigehen fällt sein Blick auf die Geschirrspülmaschine – wozu in aller Welt hat er sich dieses Ding bloß angeschafft? War es aus Faulheit oder aus zwanghaftem Festhalten an risikoloser Arbeitsteilung? Ein einfacher Dreisatz: die Frau fürs Bett und die Liegesitze, das Fernsehen zur Zerstreuung und Maschinen für die Hausarbeit. So betrachtet, hat er sich glücklich den Alptraum der Ehe erspart. Na schön, vielleicht wäre es billiger und bequemer gewesen, den Part der Frau noch etwas zu erweitern. Eine Ehefrau, hat sie sich erst mit ihrem Schicksal abgefunden, kann einem auch nicht wegen eines silbergrauen Coupés den Laufpass geben. Wenigstens darf sie nicht oder sollte nicht dürfen. Andererseits ist ein flackernder Bildschirm, der keine Ansprüche stellt, letztlich wohl doch dem entnervenden Mundwerk eines weiblichen Wesens vorzuziehen.

Er bohrt sich mit der Zungenspitze die Reste eines Chips aus den Zahnlücken und streicht gedankenverloren über den Rand der fleckigen, halb offen stehenden Geschirrspülerklappe. Überflüssig, dieser Kasten. Wenn sich die Mahlzeiten auf Tütennahrung und Flaschenbier beschränken, gibt es ohnehin kaum etwas zu spülen.

Und plötzlich fällt ihm der Mauerriss auf. Es ist ein ziemlich breiter, krakeliger Riss, bedrohlich wie die Spitze eines Eisberges, dessen unterer Teil sich hinter der Geschirrspülmaschine verbirgt. Er kann noch nicht lange da sein, er wirkt störend zwischen der altgewohnten Gruppierung der Küchenmöbel und dem vertrauten Muster schon registrierter, kleinerer Risse. Der neue Riss ist größer, nicht nur ziemlich, nein sehr groß, ekelhaft groß, er klafft weit auseinander zwischen Wand und Email. Oh nein, nur nicht das! Wenn ihn noch etwas in Panik bringen kann, dann ist es ein Leck in seinem hermetisch abgeschlossenen Mauergeviert, ein Spalt zur Außenwelt, durch den sie hereinkriechen kann, die Feindin. Sie sucht ihre Opfer, er spürt es. In ihrer sadistischen Unentrinnbarkeit überrollt sie alles, was sich ihr entgegenstellt.

Hastig deckt er seine Hand über den Riss, bereit, ihn zu ignorieren. Aber das Leck ist noch da, scheint sich wie ein gefangener Riesenkäfer hinter der Handfläche zu bewegen. Und etwas ist hinter ihm, etwas Feindliches, wie ein geduckt laufendes Raubtier in der Nacht. Alles Zurückliegende, Hässliche, Gemeine, das andere Ufer des Grabens, das silbergraue Coupé, das Büro, die Sache mit Vera, alles ist hinter diesem Riss in der Wand. Alles!

Weg mit der Geschirrspülmaschine, der Spur des Spaltes nachgegangen! Wo zum Teufel kommt dieses verdammte Loch her? Sein Ausmaß ist ungeheuer, nicht zu verdecken, fast wie Termitenfraß. Auf dem Boden liegt ein Häufchen heruntergekrümelter Verputz, in der Wand klafft eine Lücke zwischen den Mauersteinen, die den Blick freigibt in die schwarze Tiefe des zwölfstöckigen Wohnblocks, Tiefe, die anzieht wie die Löcher in den Bauzäunen der Kindheit. Das lose Mauerwerk verlockt zum Nachgreifen, zum Aufreißen. Er starrt auf das Loch wie hypnotisiert, etwas Unsichtbares gewinnt Macht über seinen Körper. Jetzt zurückrennen…sich verstecken, Zuflucht suchen zwischen Kunstleder und Bildröhre…aber es geht nicht. Der Riss lässt ihn nicht mehr los. Es ist ein Kampf zwischen Abwehr und Faszination, gemischt mit ohnmächtigem Hass. Hätte er jetzt den Schuldigen vor sich, er würde ihn in blinder Wut erwürgen. So packt er nur seine Chipstüte und drückt sie mit geistesabwesender Brutalität zu einem formlosen Klumpen Krümel und Alufolie zusammen.

Einfach der Anziehungskraft nachgeben, sich vorwärtsreißen lassen und die Trennwand zur Außenwelt durchbrechen? Was sonst. Er spürt, dass der Kampf längst entschieden ist; dem Opfer bleibt keine Chance vor den Augen der Schlange. Seine Hände zittern vor fiebriger Erwartung; das Dämmerlicht seiner bleich durchflimmerten Insel versinkt hinter ihm und wird aufgesogen von der magischen Schwärze des vor ihm liegenden Kraters, die seine Augen immer mehr gefangen nimmt. Jetzt ist es zu spät, es sich anders zu überlegen.

Mit fahrigen Fingern greift er in den lockeren Mörtel und bricht Stein um Stein aus dem losen Mauerwerk, in keuchendem Vorwärtswühlen wie ein Hund auf der Schweißspur. Als die Öffnung weit genug ist, zwängt er gewaltsam den Kopf hindurch, schüttelt die tropfenden Haare aus der Stirn und späht in das Dunkel, dem schwache Lichtreflexe Konturen geben, das aber weder Anfang noch Ende zu haben scheint. Eine Höhle. Ein unfassbares Nichts, das Innere einer ungeheuren steinernen Gebärmutter, aufgebläht und schwanger von sprachloser Leere. Ein All, das sich fortsetzt bis in die Ewigkeit.

Dann, nach minutenlangem Starren, erkennt er die Umrisse eines gewaltigen Fahrstuhlschachtes, der sich tief unten im Dunkel verliert. Vibrierende, ölig glänzende Seile schimmern wie schwarze Spinnfäden zu ihm herüber. Ist das der Ausweg? Ein Fingerzeig, noch einmal auszusteigen, alles hinter sich zu lassen, den zweiten Graben zu überspringen? Oder ist er schon so geschwächt, dass er anfängt, Halluzinationen zu erliegen? Wird man ihn über kurz oder lang in einem jämmerlichen Zustand geistiger Umnachtung aus der Wohnung zerren? Aber nein, er muss noch normal sein; er fühlt sein Gehirn logisch arbeiten, auch hört er jetzt von irgendwo hoch oben einen näherkommenden, singend anschwellenden Summton.

Es ist keiner der ihm bekannten Fahrstühle, er muss in dem noch wenig erforschten Labyrinth der riesigen Wohnmaschine bisher unentdeckt geblieben sein, dem Auge des Sterblichen verborgen. Ein Fahrstuhl der vierten Dimension, der ihm den Fluchtweg in den Überraum öffnet, oder nur ein überflüssiger und dann vergessener Schacht? Egal, jedenfalls ist das Ding in Betrieb. Aufspringen, es gibt keine Alternative. Aufspringen und fliehen, ganz gleich wohin, nur weg hier! Mach was du willst, du falsche, verlogene Welt, Vera, Büro, verrostetes Coupé! Gehab dich wohl, bunt flimmernde Gruft von Etagenwohnung mit deinem unerträglichen Moder!

Der Fahrkorb kommt näher, man spürt es am Fahrtwind und am Wandern der Lichtpunkte über die schwarzen Wände des Schachtes. Die unausweichliche Entscheidung ist gefällt, er kann wieder hoffen: auf eine neue Welt, auf Unerreichbarkeit, auf Ruhe vor dem Gestern und auf ein neues Erwachen.

Der Fahrstuhl ist auf der Etage angekommen, aber er hält nicht an, sondern setzt seinen Weg in die Tiefe unbeirrbar fort. Kein lebendes Wesen zeigt sich hinter der Glastür, der metallene Kasten fährt ohne Passagiere. Er wird der einzige sein. Schon ist das schwach erleuchtete Gefährt hinter dem Durchbruch verschwunden, da presst er nach letztem Zögern die Augenlider zusammen und springt ab. Der Fahrkorb wird durch den Aufprall nur unwesentlich erschüttert und gleitet in ruhiger Fahrt nach unten.

Er lacht innerlich, zum erstenmal seit langer Zeit. Kaum kann er die Erwartung zügeln, seine alten, beschmierten, mit Kunstledergeruch behafteten Kleider von sich zu werfen, in die Freiheit zu rennen, die Stütze eines neuen, noch nach Kaufhaus duftenden Hemdkragens im Nacken zu spüren, sich von Kopf bis Fuß neu einzukleiden und sich mit neuem Gesicht der Antiwelt zu stellen.

Es wird die perfekte Verwandlung sein. Er sieht schon die lange Reihe von Kaufhäusern vor sich, die er mit Wollust durchstöbern wird, und lässt seinem inneren Lachen freien Lauf. Hinter ihm verhallen die Sirenenklänge der Unterbrecherwerbung, bevor der Fernseher mit weit entferntem, kaum hörbarem Knall implodiert, während eine zerfetzte Stimme noch um Erhörung fleht. Was soll das jetzt noch? Er braucht kein berieselndes Programm, er wird sich sein eigenes machen. Seine eigene Zeit, seinen eigenen Raum. Er wird sein neues Hemd tragen wie ein Fanal seiner neugewonnenen Freiheit, er wird seine Haut wechseln, ein neues Leben anfangen, er wird leichter und wieder schwerer, während der Fahrstuhl zur Abwechslung nach oben schießt, immer weiter und weiter, immer schneller und schneller, von unerbittlichen Seilen in rasender Fahrt emporgerissen, mit seinem wie irrsinnig lachenden Passagier das unendliche Labyrinth der gigantischen Wohnmaschine durchquerend, schneller als das Licht, seinem unbekannten Ziel entgegen.