Da ist aber noch was

Es vibrierte immer noch in ihm. Dieses unheimliche Klopfen, Poltern, Knattern und Dröhnen. Niethämmer im Akkord, wie eine Armee von Poltergeistern, selbst unter den Ohrenschützern noch bedrohlich nah. Und eine verwehte Stimme, oder war es eine Sinnestäuschung gewesen? “Halt…halt…”

Der Orthopäde nickte verständnisvoll. “Ich hab’s Ihnen ja gesagt, Herr Bruckmann, so eine Kernspin-Untersuchung ist nicht gerade angenehm. Kann schon sein, dass man bei dem Krach in dieser Röhre alles Mögliche zu hören glaubt.”

Er spannte den Film auf einen Leuchtschirm und beäugte die Aufnahme, die in Bruckmanns Augen nur ein wirres Durcheinander von grauen und schwarzen Mustern zeigte.

“Wie ich vermutet hatte”, murmelte er, während er den Blick zwischen seinem Patienten und dem Leuchtschirm hin und her wandte. “Ein Patellaspitzen-Syndrom. Sie haben Ihren Knien bei dieser Bergtour einfach zu viel zugemutet. Der Knorpel ist zum Glück noch heil…na ja, das wird wieder, wenn Sie sich schonen.”

“Es muss also nicht operiert werden?” fragte Bruckmann erleichtert. Die geplante Tour auf der Via Alta della Verzasca, sein lange gehegtes Lieblingsprojekt, schien gerettet. Wenn auch mit ein paar Wochen Verzögerung.

Der Orthopäde schüttelte bedächtig den Kopf, während er weiter die Aufnahme studierte. Doch plötzlich schob er seine Brille herunter, legte den Kopf schief und betrachtete mit zusammengekniffenen Augen den senkrechten Text am Rand des Films.

“Oha…na so was! Das darf doch nicht wahr sein.”

Von einer Sekunde zur anderen war Bruckmanns Optimismus verflogen. Also doch. Eine Komplikation. Irgendein Schaden, der das Band zwischen ihm und dem Bergsport wie ein Fallbeil unwiderruflich kappen würde.

“Hier”, sagte der Arzt stirnrunzelnd und zeigte mit dem Finger auf die Stelle. “Das ist gar nicht Ihr Kniegelenk. Sie heißen Peter mit Vornamen, oder? Und da steht Gerhard Bruckmann. Was ist denn da für eine Schlamperei passiert…!”

Ärgerlich drehte er sich zu seinem Schreibtisch um, griff zum Telefonhörer und begann eine Nummer zu wählen.

Peter Bruckmann saß auf seinem Stuhl wie erstarrt. “Gerhard Bruckmann war mein Vater”, brachte er tonlos über die Lippen. “Meine Eltern sind vor acht Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen.”

“Das tut mir leid,” sagte der Orthopäde und hielt inne. In seinem Gesichtsausdruck zeichnete sich ein leises Unbehagen ab. Es war ihm spürbar lästig, durch eine Nebenhandlung, die hier nichts zu suchen hatte, aus seiner ärztlichen Routine gerissen zu werden.

“Moment mal…” Bruckmann sah auf die Datumsanzeige seiner Armbanduhr. “Vor genau acht Jahren. Heute ist der Todestag.”

Sein Gegenüber stutzte einen Moment, warf ihm einen konsternierten Blick zu und bemühte sich dann um Sachlichkeit. “Also, versuchen wir mal zu klären, was da los ist. Kann es sein, dass Ihr Vater irgendwann in diesem Zentrum untersucht wurde?”

“Mit Sicherheit nicht”, antwortete Bruckmann ratlos. “Meine Eltern wohnten in Nürnberg und haben mich nur gelegentlich mal in München besucht.”

“Na gut”, sagte der Arzt. “Dann muss es ein anderer Patient gleichen Namens sein, mit dem man Sie verwechselt hat. Aber das werden wir ja gleich wissen.”

Damit tippte er den Rest der angefangenen Nummer in sein Telefon und wartete mit ungeduldig klopfenden Fingern, bis sich jemand meldete. Bruckmann hörte ihn nach der Patientendatei fragen, dann folgte eine längere Pause. Der Rest des Gesprächs bestand aus gemurmelten Satzfetzen. “Hmm…ja…verstehe…”

Langsam legte der Orthopäde den Hörer auf und sah Bruckmann kopfschüttelnd an: “Sehr merkwürdig. Es gibt dort keinen Patienten namens Gerhard Bruckmann. Und was die Ihnen mitgegeben haben, ist zweifelsfrei der Film von Ihrem Knie. Also, wie das passieren konnte, ist mir ehrlich schleierhaft.”

Eine leichte Gänsehaut begann Bruckmanns Rücken zu überziehen. Die Poltergeister. Das Dröhnen. Die Stimme. “Halt…halt…” Es war ein verstörender Gedanke, aber plötzlich hatte er das unbezwingbare Gefühl, ihn aussprechen zu müssen.

“Vielleicht wollte mein Vater mir irgendetwas mitteilen”, mutmaßte er. „Es klang fast wie eine Warnung.“

Der Arzt beäugte ihn über den Rand seiner Brille hinweg, das Gesicht in einer Mischung aus Tadel und Skepsis verzogen. “Aus dem Jenseits? Sie glauben ja wohl nicht an übersinnliche Phänomene, oder doch?”

Bruckmann zuckte mit den Schultern. “Na ja…” erwiderte er, ohne eine sinnvolle Fortsetzung zu finden. Dann erhob er sich aus seinem Stuhl und nahm den Film aus der Nähe in Augenschein. “Da ist aber noch was”, bemerkte er verdutzt und tippte mit dem Zeigefinger auf den Bildrand. “Heute ist der zwanzigste Sechste, und da steht zwanzigster Neunter. Was soll das nun wieder bedeuten?”

“Auch noch ein Zahlendreher”, stöhnte der Orthopäde. “Heute scheint wirklich der Wurm drin zu sein. Der Geburtstag ist aber wenigstens korrekt, oder? Siebter März einundsiebzig.”

Peter Bruckmann nickte.
——
Es war Spätsommer geworden. Nach zwei Monaten Schonung, Eisbeuteln und Voltaren-Salbe hatte das Kniegelenk seine alte Fitness schon vor Wochen zurückgewonnen. Bruckmann fühlte sich, als könnte er die Welt erobern. Jetzt konnte es endlich losgehen.

“Via Alta della Verzasca”, sagte er mit glänzenden Augen, als er mit seiner Freundin Carmen am Frühstückstisch saß und die gemeinsamen Pläne besprach. “Das wird die Tour überhaupt. Du wirst sehen.”

Carmen betrachtete ihn mit leisem Zweifel. “Und dein Gelenk spielt wirklich mit?” beharrte sie. “Trau dir nicht zu viel zu. Du weißt, wie lang und steil das ist. Letzten Monat sind da zwei Leute tödlich abgestürzt. Es muss ja nicht sein, dass du der nächste bist.”

Bruckmann schlug selbstbewusst mit der Hand auf sein Knie. “Alles in bester Ordnung”, sagte er gut gelaunt. “Und die Wettervorhersage könnte auch nicht besser sein. Also, es ist entschieden. Morgen fahren wir los, und übermorgen früh packen wir die Verzasca. Direkt bei Sonnenaufgang.”

Er biss in seinen Marmeladentoast und schlug die aktuelle Tageszeitung auf. Am oberen Seitenrand stand kleingedruckt das Datum: Donnerstag, der zwanzigste Neunte.