Standortbestimmung

“Wo stehst du?” frug mich neulich abend
mit ernstem Blick mein Tischnachbar.
Da spürt’ ich, keinen Schimmer habend,
dass ich noch ohne Standpunkt war.

“Wo stehst du?” Links, rechts, in der Mitte?
Schnell rollte alles vor mir ab:
das Penthouse, der Palast, die Hütte…
die Zeit zum Denken wurde knapp.

“Wo stehst du?” Auf der Seite derer,
die stets man noch zum Hungern zwingt,
bis dass ein mutiger Verschwörer
zum Sieg die gute Sache bringt?

“Wo stehst du?” Auf der Seite jener,
die für Gesetz und Ordnung sind?
Dumpf kaute ich an meinem Döner,
für jede klare Antwort blind.

“Wo stehst du?” Bohrend stand die Frage
noch immer zwischen uns im Raum.
Mit schwante schon: Was ich auch sage,
die letzte Weisheit ist es kaum.

“Wo stehst du?” Ja, nun heißt’s bekennen,
ein vages Wähnen reicht nicht aus.
Ich muss es klipp und klar benennen,
mir wird gar bang, mir wird gar graus.

“Wo stehst du?” Kann die Frage taugen
als Prüfstein, wenn der Geist verneint?
Wie Schuppen fiel’s mir von den Augen:
Vielleicht war gar nicht ich gemeint!

Des Menschen Sein, des Menschen Wesen
ist schließlich mehrdimensional,
das hat man schon so oft gelesen,
es zeigte sich auch dieses Mal:

Hier schwebt das Ego ungebunden
als freier Geist, wie’s ihm beliebt,
dort hat es ein Pendant gefunden,
das ihm die Bodenhaftung gibt.

“Wo stehst du?” “Eine Straße weiter,
im Parkhaus”, gab ich zu verstehn.
“Ich auch”, entgegnete er heiter,
“da können wir zusammen gehn.”