Leseprobe: Auszug aus „Mitosis“

9

Oliver Bergmann öffnete die Klappe der Todeskammer.

Seine Erwartungen waren inzwischen fast auf den Nullpunkt gesunken, und als er die mit Kohlendioxid erstickten Labormäuse aus dem Behälter nahm, schwante ihm schon bei ihrem Anblick, was die Sektion ergeben würde. Es waren zehn Tiere aus einer neuen Versuchsgruppe, an der Rodney Sanders und er die bislang höchste Wirkstoffdosis getestet hatten. Vermutlich wieder mit enttäuschendem Ausgang, dachte Oliver. Bei den vorangegangenen Versuchen hatte sich das Wachstum der Zervixtumoren in allen Gruppen ohnehin kaum unterschieden – von einem Erfolg oder gar einem medizinischen Durchbruch konnte keine Rede sein.

Der fensterlose, von Leuchtröhren in diffuse weiße Helligkeit getauchte Raum tat ein Übriges, um Olivers Seelenlage einzutrüben. Es war kein einladender Ort.

„Na, was meinst du?“ fragte Rodney und musterte skeptisch die abgemagerten kleinen Albino-Leichen.
Statt zu antworten, senkte Oliver nur stumm den Daumen.
„Mit anderen Worten, wir haben einen Flop gelandet.“
„Sieht mir langsam so aus.“
„Immerhin sind die Tumoren langsamer gewachsen als in der Kontrollgruppe“, versuchte Rodney einen schwachen Einwand. „Signifikant langsamer.“

Oliver zuckte die Schultern. „Wenn du das als Erfolg betrachtest…“, sagte er mit hochgezogenen Augenbrauen und sah Rodney über den Rand seiner Brille an. „Unser Ziel war ja wohl etwas anderes. Die Progredienz ein bisschen aufzuhalten – mein Gott, das schafft jedes palliative Zytostatikum auch.“
„TCM 3 könnte trotzdem besser sein“, gab Rodney zu bedenken. „Wir haben schließlich noch keine Vergleichsstudien.“
Aber Oliver war nicht in der Stimmung, sich ermutigen zu lassen. Die Euphorie, die ihn bei seinen Zellkultur-Experimenten noch täglich angetrieben hatte, lag inzwischen irgendwo auf der Müllhalde seiner Gefühle.
„Ein Krebsmittel mehr auf dem Markt“, entgegnete er lakonisch. „Falls sich der Aufwand für Sears & Cone überhaupt lohnt. Und vergiss nicht, dass wir mit der Dosis inzwischen hart an der Grenze sind.“
„Eher schon dahinter“, räumte Rodney ein. „Also los, lass uns die Viecher sezieren. Vielleicht gibt es ja doch noch eine positive Überraschung.“
——-

Als Maus Nummer 70 mit aufgeschnittenem Unterleib auf dem Seziertisch lag, begriff Oliver überhaupt nichts mehr. Mit quallig wucherndem Tumorgewebe hatte er zwar gerechnet, aber es hätte zumindest etwas weniger sein sollen als bei den bisher getesteten Dosen. Stattdessen schien der Krebs aggressiver gewütet zu haben als bei sämtlichen Mäusen, die Rodney und er zuvor untersucht hatten. Wie klebrige, schimmelnde Marmelade durchzog der Zellbrei den Gebärmutterhals, fraß sich nach vorn in die Harnblase und streckte seine Zungen gierig in das umliegende Gewebe aus. FIGO-Stadium IV oder schon darüber hinaus, taxierte Oliver. Noch ein paar Tage, höchstens eine Woche – dann hätte sich die Gaskammer erübrigt und die Maus wäre an ihrem Tumor ohnehin zugrunde gegangen.

Bei Nummer 71 und 72 zeigte sich das gleiche Bild; beide Mäuse waren offenkundig todkrank, und keine Therapie der Welt hätte gegen das Wüten ihrer Tumorzellen noch etwas ausgerichtet. Das konnte nicht sein. Nicht bei dieser Dosis. Es entbehrte jeglicher Logik, oder zumindest gehorchte es einer Logik, die sich dem wissenschaftlichen Verstand entzog.
„Rod“, murmelte Oliver durch seinen Mundschutz, „weißt du, was ich glaube?“
Rodney blickte ihn fragend an. Er war genauso konsterniert wie sein Kollege und wäre am liebsten ins nächste Pub geflüchtet, um seine Frustration in ein paar Humpen Stoutbeer zu ertränken.

„Mit dem Wirkmechanismus stimmt etwas nicht“, wagte Oliver eine Prognose. „Ich denke, wir müssen noch mal einen ganzen Schritt zurück. In vitro hatten wir doch eine klare Korrelation von Dosis und Wirkung, und jetzt dreht sich die Sache plötzlich um. Ehrlich gesagt, das übersteigt meinen Horizont.“
Rodney nickte schwach. „Meinen auch“, murmelte er ratlos. „So wie es aussieht, wird es jedenfalls nichts mit dem Nobelpreis.“
Zehn aufgeschnittene Mäuseleiber mit Zervixkrebs im Endstadium bestätigten höhnisch seine Bemerkung. TCM 3 hatte den präklinischen Test nicht bestanden, so viel schien sicher zu sein. Bei TCM 1 und 2 waren schon die in-vitro-Versuche enttäuschend verlaufen. Die Pharma Division des King’s College stand mit leeren Händen da.

Als Oliver und Rodney sich in der Mensa gegenübersaßen, empfanden sie ihren Lunch buchstäblich wie einen Leichenschmaus. „Sieht so aus, als könnten wir das Projekt begraben“, orakelte Oliver, während er mit den Gabelzinken lustlos in seinem Ragout herumharkte. „Bei diesen Ergebnissen wird Sears & Cone nicht mehr lange mitziehen.“
„Von der Logik her ist es trotzdem unerklärlich“, sagte Rodney. „Übersetzen wir das Ganze doch mal in ein banales Beispiel: Du hast furchtbare Kopfschmerzen, nimmst eine Aspirintablette, und die Schmerzen lassen etwas nach. Du nimmst noch eine Tablette, und die Schmerzen lassen weiter nach.“
Bei jedem Satz nahm er einen fettigen Chip von seinem Teller und legte ihn auf die Tischplatte, als würde er befürchten, Oliver könnte seinen Gedankengängen sonst nicht folgen.
„Schließlich schluckst du noch zwei Aspirin mehr, und die Kopfschmerzen werden schlimmer als zuvor.“
Vier Chips lagen als Tablettendarsteller aufgereiht nebeneinander, und Rodney sah Oliver halb ratlos, halb erwartungsvoll ins Gesicht. „Jetzt mach dir mal einen Reim darauf.“
Oliver schüttelte den Kopf.
„Dein Aspirin bringt uns nicht weiter“, stoppte er Rodneys Gedankengang. „Ich bleibe dabei, die Erklärung kann nur im Wirkprinzip liegen. Also, wenn TCM 3 die Telomerase hemmt – und das tut es ja, wie wir xfach dokumentiert haben -, wird es in einer höheren Dosis nicht plötzlich damit aufhören.“
„Was noch zu untersuchen wäre.“
„Natürlich. Aber ich denke, da muss es noch einen anderen Mechanismus geben. Irgendetwas, das wir noch nicht kennen und das die Tumorzellen zu wahren Monstern macht.“
„Die sich über ihren programmierten Tod einfach hinwegsetzen?“ entgegnete Rodney zweifelnd. „Das klingt mir sehr nach Dr. Frankenstein.“
„Wie auch immer“, beharrte Oliver. „Jedenfalls bin ich sicher, dass bei TCM 3 ein zweiter biologischer Vorgang im Spiel ist. Und danach werd ich suchen, egal, wie lange es dauert.“
„Du meinst, solange Sears & Cone das finanziert.“
Natürlich. Dies war ein zweckgebundener Forschungsauftrag und nicht die Einladung, grundlegende Studien über das Verhalten von Tumorzellen zu betreiben. Oliver ballte seine Hände zu Fäusten und wiederholte sich. „Wie auch immer. Ist mir egal. Ich will einfach den Schlüssel finden, you know?“
Hätte er sich in diesem Moment im Spiegel sehen können, wäre ihm der Ansatz einer senkrechten Falte aufgefallen, die eine erste Altersfurche in seine noch jugendliche Stirn zu graben begann. Es war der über Jahre gespeicherte, unmerklich vertiefte Ausdruck unbeirrbarer Entschlossenheit.

10

King’s College, London, 9. April 2006

„Und diesen Mechanismus hast du gefunden?“ fragte Sven aufs äußerste gespannt.
„Jein“, wand sich Oliver und ließ wieder spüren, wie sehr ihm jede Vereinfachung zuwider war. „Weißt du, wir haben unsere regulären Testreihen natürlich nicht gleich abgebrochen. In den niedrigeren Dosen war TCM 3 ja tatsächlich wirksam, und auf gesunde Zellen hatte es auch keinen negativen Einfluss. Aber im Vergleich mit anderen Zytostatika schnitt es doch sehr dürftig ab. Der Fortschritt war gleich null. Na ja, und dann…“

Oliver brach den Satz ab, wandte sich wieder dem Fenster zu und blickte eine Weile gedankenverloren in den Londoner Himmel, dessen ursprüngliches Frühlingsblau sich zusehends mit grauen Regenwolken überzog. Es schien, als wollte er aus dem Blick nach draußen Inspiration für den Rest seines Vortrags schöpfen.
„Und dann?“ wiederholte Sven ungeduldig.
„Wie du dir denken kannst – nach diesen Ergebnissen wurde das Projekt sehr schnell begraben. Sears & Cone hatte noch ein paar andere Hoffnungsträger in der Pipeline, und unsere ganze TCM-Serie war ja ein offensichtlicher Flop.“
„Die wollten also gar nicht wissen, was hinter diesen Ungereimtheiten steckte?“
„Mein Gott, Sven, was erwartest du?“ antwortete Oliver schulterzuckend. „Flop ist Flop, und die Frage nach dem Warum interessiert eine Firma wie Sears & Cone naturgemäß weniger. Die müssen schließlich Geld verdienen und können es sich nicht leisten, wertfreie Forschung zu finanzieren.“
„Also hast du auf eigene Faust weiter geforscht“, mutmaßte Sven.
Oliver nickte. „Es wäre vielleicht nicht gegangen, wenn Sears & Cone sein Budget komplett abgezogen hätte. Aber zum Glück gab es einen Anschlussauftrag für ein weiteres Krebstherapeutikum, einen Kinasehemmer.“

Er drehte sich zu Sven um und hob abwehrend die Hand, als er dessen fragenden Gesichtsausdruck sah. „Spielt keine Rolle, was das ist. Ein ganz anderes Wirkprinzip, aber ich will’s nicht zu kompliziert machen. Jedenfalls haben wir dadurch den Freiraum gewonnen, um heimlich TCM-3-Langzeitversuche mitlaufen lassen. Das ist natürlich…“
Oliver unterbrach sich, wiegte den Kopf und suchte nach einem passenden Begriff.
„Illegal“, ergänzte Sven.
„Hmm.“ Diesmal mühte sich Oliver, das harte Wort zu vermeiden. „Es widerspricht zumindest der Good Laboratory Practice“, räumte er vorsichtig ein, „also den Prinzipien, deren Hochhaltung man von uns erwartet. Aber ich hoffe, du siehst mir das nach.“
Im nächsten Moment schepperte wieder die Marseillaise aus seiner Hosentasche hervor.
„Herrschaft-“ Er griff entnervt nach seinem Handy und drückte kurz entschlossen die Austaste. Dann warf er sich in seinen Schwingstuhl, verschränkte beide Arme im Genick und versuchte, den Faden wiederzufinden.
„Nenn es, wie du willst“, fuhr er schließlich fort. „Jedenfalls haben wir ohne Befugnis neue Versuchsreihen mit TCM 3 veranstaltet und einfach umdeklariert. Diesmal waren die Mäuse nicht krebsverseucht, sondern völlig gesund. Ich wollte einfach wissen, wie normale Zellen in einem lebenden Organismus langfristig auf die Substanz reagieren. Das Ergebnis hast du ja schon gesehen. Kathie und Nellie.“
„Du meinst…die beiden Mäuse in deiner Wohnung? Die du aus dem Labor geschmuggelt hast?“
„Genau die.“
„Aber was ist denn nun mit denen passiert?“ fragte Sven und sah unwillkürlich auf seine Armbanduhr. Fast zwei Stunden lang hatte er Olivers wissenschaftlichen Vortrag jetzt über sich ergehen lassen, und das Näherrücken der Auflösung erschien inzwischen wie das Wettrennen zwischen Achilles und der Schildkröte. Jeder Schritt vorwärts verringerte zwar den Abstand zum Ziel, zerlegte ihn aber nur in immer kleinere Etappen. Für sieben Uhr abends war der Rückflug nach München gebucht. Der Zeitpunkt begann unrealistisch zu werden.
„Passiert?“ ging Oliver achselzuckend auf Svens Frage ein. „Im Grunde erst mal gar nichts. Jedenfalls nichts, was zu neuen Erkenntnissen geführt hätte. Wir haben zwar eine Zellmutation festgestellt, konnten sie damals aber nicht entschlüsseln. Irgendwie ist die ganze TCM 3-Geschichte dann in Vergessenheit geraten, einschließlich der behandelten Mäuse, die hier am Institut verblieben sind. Das Projekt mit dem Kinasehemmer war so erfolgreich, dass wir alle Hände voll damit zu tun hatten. Und dann kam Ylie.“
Sven hob fragend die Augenbrauen.
„Meine fleißige und fähige Assistentin“, sagte Oliver sarkastisch. „Im Grunde genommen ist sie diejenige, derentwegen ich jetzt mit dir zusammenhocke. Weißt du, wir sind ja vor ein paar Jahren umgezogen, das ganze Institut von Chelsea hierher. Da war natürlich erst mal eine komplette Inventur fällig. Und Ylie, penibel wie sie ist, hat dabei zwangsläufig ein paar Unstimmigkeiten gefunden.“
„Deine vergessenen Mäuse vermutlich.“
„Die waren der Auslöser. Sie hat mich gefragt, zu welchen Versuchen sie gehören. Du kannst dir denken, wie peinlich das war – schließlich hatten Rod und ich damals nichts offiziell protokolliert. Nur das Alter der Tiere war klar ersichtlich. Und das hat nicht nur Ylie stutzig gemacht, sondern mich genauso.“
Sven begriff nicht, worauf Oliver hinauswollte. „Ja und?“ fragte er.
„Normalerweise beträgt die Lebenserwartung dieser Spezies zwei bis drei Jahre“, erklärte Oliver. „Einzelne Ausreißer sind vielleicht denkbar. Aber hier hatten wir eine ganze Versuchsgruppe von zehn Mäusen vor uns, die mindestens doppelt so alt waren. Und dazu springlebendig.“

Er ließ seine Finger auf der Schreibtischplatte tanzen, um zappelnde Mäusebeinchen anzudeuten, und sah Sven vielsagend an. „Doppelt so alt,“ wiederholte er mit Nachdruck, ohne einen weiteren Kommentar hinzuzufügen.
Sven begriff. Endlich war die Katze aus dem Sack. Seine Anspannung wich einem großen Verstehen und entlud sich in einem endlos tiefen Atemzug, während er langsam und mechanisch nickte. Zugleich spürte er eine seltsame Mischung aus erwartungsvoller und ungläubiger Erregung in sich aufsteigen. Er ließ sich von der Schreibtischkante gleiten und begann im Raum hin und her zu wandern, um seine wachsende Nervosität abzureagieren.
„Ich weiß noch genau, was damals meine erste Reaktion war“, sagte Oliver. „That’s incredible. It can’t be true. Aber da gab es nichts zu deuteln.“
Erst jetzt fand Sven die Sprache wieder. „Wow!“ machte er seinen Gefühlen Luft. „Wahnsinn! Das heißt, du hast eine lebensverlängernde Substanz gefunden? Aber Mensch…das ist doch—“
„Es ist noch nicht alles“, bremste ihn Oliver. „Klar, wenn das ein reguläres Forschungsprojekt gewesen wäre, hätte ich Grund zum Jubeln gehabt. War es aber nun mal nicht, also musste die Sache unter der Decke bleiben.“
„Und Ylie? Ich denke, die hat als erste gemerkt, was los ist.“
„Sicher. Ich bin halt in die Offensive gegangen und hab ihr alles gebeichtet. Was wäre mir auch sonst übrig geblieben? Zu meinem Riesenglück hat sie mich verstanden und dichtgehalten. Und nicht nur das – sie hat sogar mitgemacht, weil sie selber wissen wollte, was es mit TCM 3 auf sich hat. Wir sind sozusagen…Komplizen geworden.“

Das war die zweite Offenbarung, und sie traf Sven nicht weniger überraschend. „So ist das also“, sagte er, während sich der Ylie-Film in seinem Kopf unwillkürlich zurückspulte. Der schnelle Wechsel der Szenen ließ ihre Person in einem völlig neuen Licht erscheinen. Statt der hübschen, harmlosen Nebenrolle, in die seine Vorstellung sie gesteckt hatte, spielte sie neben Oliver den tragenden Part und teilte mit ihm das gleiche Problem. Wenn es denn für sie eins war.

Oliver nickte. „So ist das. Wir sind ein Tandem, auf Gedeih und Verderb. Aber bitte – das bleibt unter uns. Ylie weiß nichts davon, dass ich dich eingeweiht habe. Für sie bist du in London nur auf Geschäftsreise und nutzt halt die Gelegenheit, um mich zu besuchen.“
„Was wäre denn, wenn sie…nicht dichtgehalten hätte?“
„Das kannst du dir ja denken. Sie hätte ein mittleres Erdbeben ausgelöst, und ich wäre dabei das erste Opfer gewesen. Außerdem noch ein paar Leute, die hier für die Good Laboratory Practice verantwortlich zeichnen.“
„Und dieser…Ronny oder Rodney? Wusste der auch von nichts?“
„Rodney Sanders? Der ist schon lange nicht mehr hier“, antwortete Oliver mit einer Handbewegung, die eine größere Entfernung andeutete. „Vor acht Jahren hat er eine Stelle an der Stanford-Universität in Kalifornien bekommen. Ehrlich gesagt, da wär ich auch gern…“
„Gestern sagtest du noch, du hättest hier Wurzeln geschlagen“, erinnerte sich Sven.
„Ich meine auch nur wegen des Wetters.“
Wie zur Bestätigung seiner Worte prasselte ein windgepeitschter Regenschwall gegen die Fensterscheiben.
Die letzten Sätze ihres Dialogs hatte Sven eher mechanisch heruntergespult. Er biss sich auf die Fingerkuppen und dachte nach. Olivers Lage wurde ihm immer klarer bewusst, und frustrierenderweise fiel ihm nichts dazu ein. Schweigen begann sich auszubreiten.
„Ja…“, begann Sven schließlich, nachdem Oliver keine Anstalten machte, weiterzureden. „Was soll ich jetzt sagen? Im Grunde kannst du nichts machen, es wird immer das Verkehrte sein.“
„Wahrscheinlich“, meinte Oliver. Dein Münchhausen-Trilemma trifft die Situation ganz gut.“
Sven überlegte. „Schon. Aber Herumlamentieren bringt uns nicht weiter. Das hier ist schließlich keine Denksportaufgabe, sondern ein ganz konkretes praktisches Problem. Also lösbar.“
„Und wie?“
„Na ja…“, sagte Sven schulterzuckend. „Ich kann nur mit Ratschlägen aus meinem eigenen Umfeld dienen. In der Agentur versuchen wir es zum Beispiel gern mit einem Brainstorming, wenn wir uns irgendwo festgebissen haben. Jeder sagt einfach spontan, was ihm einfällt, danach wird sortiert, und manchmal fällt es einem dann plötzlich wie Schuppen von den Augen.“
„In größerer Runde, nehme ich an. Wir sind nur zwei.“
„Stimmt auch wieder.“
„Außerdem weißt du noch nicht alles“, sagte Oliver. „Die Geschichte geht nämlich weiter.“
Sven sah ihm fragend ins Gesicht.
„Wir waren bei unserer Inventur stehen geblieben“, erinnerte ihn Oliver. „Und ich hab dir erzählt, dass ich mit Ylie danach weitergeforscht habe. Wir wollten einfach in Ruhe untersuchen, was da eigentlich abgelaufen ist – auch mit dem Ziel, vielleicht irgendwann hieb- und stichfeste Ergebnisse zu präsentieren. Natürlich hätten wir uns damit angreifbar gemacht, aber ich glaube, dann hätte wahrscheinlich doch der Sensationswert dieser Entdeckung überwogen.“
„Jetzt sag bloß, ihr habt mit diesen zwei Ziermäusen in deiner Wohnung experimentiert.“
„Unsinn“, entgegnete Oliver. „Wie stellst du dir so was vor? Die hab ich nur zur Sicherheit vor dem Umzug aus dem Labor geschmuggelt. So hatte ich wenigstens zwei Objekte für eine ungestörte Langzeitbeobachtung.“
„Und das hat niemand gemerkt?“
Ein verschmitzter Ausdruck huschte über Olivers Gesicht. „Kein Mensch. Ich hab einfach zwei privat Labormäuse gekauft und sie gegen Kathie und Nellie ausgetauscht. Die zwei anderen sind längst seziert und entsorgt.“
Sven rieb sich ungläubig die Stirn. „Das darf ja alles nicht wahr sein“, kommentierte er Olivers Täuschungsmanöver. „Hat es sich wenigstens gelohnt?“
„Ja. Schon. Aber das Wichtigste waren natürlich die Untersuchungen, die wir hier im Labor gemacht haben. Wie gesagt, wir wollten den Wirkmechanismus genauer verstehen. Dazu hatte ich schon damals zusammen mit Rod ein paar Röhrchen mit TCM 3 aufbewahrt.“
Sven dachte an seinen heimischen Medizinschrank und den Hustensaft, den er vor ein paar Wochen weggeworfen hatte, haltbar bis zweitausendvier.
„Also in den neunziger Jahren“, überlegte er. „Sag mal, wie lange hält sich denn das Zeug?“
„Bei richtiger Kühlung sehr lange“, erklärte Oliver. „Weißt du, wir lagern solche Substanzen hier bei minus 80 Grad. Da verdirbt nicht mal Mayonnaise. Also, mit diesem Vorrat haben Ylie und ich weitergemacht – immer spät abends, wenn sonst niemand mehr im Labor war.“
„Und vermutlich wieder mit…geborgten Mitteln.“
„Klar. Wie sonst? Offiziell, also für die Versuchsprotokolle, waren das präklinische Studien zu einem verwandten Projekt. Nicht der Kinasehemmer, sondern wieder etwas Neues. Zum Glück ging es da sehr gut voran. Wir hatten also die ganze Zeit ein reiches Budget, das wir anzapfen konnten.“
„Kurz gesagt“, resümierte Sven, „wenn ich es richtig sehe, habt ihr beiden jahrelang Forschungsgelder veruntreut. Erst bei dem Kinasehemmer, dann bei dem anderen Zeug.“

Oliver wiegte abschätzend den Kopf. „Nennen wir’s zweckentfremdet. Aber egal. Ich sagte ja, wenn das auffliegt, gibt es ein mittleres Erdbeben. Dann können wir vermutlich beide unsere Koffer packen.“
„Und wenn ihr einfach in die Offensive geht?“ schlug Sven vor. „Jetzt könnt ihr doch Fakten auf den Tisch legen. Und eure Entdeckung…ich meine, das muss man doch auch irgendwie honorieren, auch wenn es dabei nicht sauber zugegangen ist. Hast du nicht selber gesagt, dass der Sensationswert alles andere überwiegt?“
„Vielleicht“, räumte Oliver ein. „Aber genau da liegt der Haken. Die Fakten sehen sich inzwischen nämlich etwas anders aus.“
„Also funktioniert es doch nicht?“
Oliver zögerte mit der Antwort.

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