Leseprobe: Auszug aus „Schattenzone“

1

Da ist es wieder. Das Blaulicht. Dieses blendende Zucken, Drehen, Kreiseln. Diese in Licht gebadete Drohung, die in den Augen schmerzt, durch Nervenbahnen und Blutgefäße bis tief in die Eingeweide schießt und Krämpfe rasender Panik auslöst.

„Bernd Lammert, ich verhafte Sie wegen Trunkenheit am Steuer.“ Der Satz dröhnt in seinen Ohren wie ein Todesurteil. Alles in ihm bäumt sich auf. Obwohl seine Kniekehlen zittern und die Stimme zu brechen droht, entlädt sich seine gestaute Angst in einem Schrei, der die nächtliche Gestalt in der grünen Uniform fast umwirft. Worte zu artikulieren, gelingt ihm nicht. Nur das Denken funktioniert noch. Ich bin ein unschuldiger freier Bürger! hämmert er sich pausenlos ein. Ich habe nichts getan! Lieber Gott, hilf mir doch!

„Das ist Gotteslästerung“, erwidert der zweite Polizist mit eisiger Miene, als habe er einen Röntgenblick in Lammerts Gehirn geworfen. Das kreiselnde Licht verzerrt seine Gesichtszüge zu einer blauen Geisterbahnfratze. Aber nein, so trügerisch können Reflexe gar nicht sein – die Fratze ist echt; sie gehört einer Bestie, die mit erschreckender Schnelligkeit jedes menschliche Aussehen verliert. Das sind keine Polizisten, durchzuckt es Lammert. Wie zur Bestätigung entblößt sein Gegenüber die gefletschten Zähne, zwei raubtierhafte Reihen blau schimmernder Reißwerkzeuge. Der andere, der Lammerts Führerschein in den krallenbewehrten Pranken hält, kommt höhnisch grinsend näher. „Den werden Sie nie wieder brauchen“, grunzt er mit einer unwirklichen Stimme, die wie ein zu langsam laufendes Tonband klingt.

Sie wollen mich umbringen, denkt Lammert fast besinnungslos vor Angst. Hektisch tasten seine Augen die flackernde Umgebung nach einem Fluchtweg oder einer Waffe ab. Er findet einen herumliegenden Ast. Er holt aus, schlägt zu und trifft. Das erste Ungeheuer geht zu Boden, fauchend vor Wut und mit Schaum vor dem Maul. Das zweite bekommt einen wuchtigen Schlag direkt ins Gesicht, fängt an zu torkeln und weicht zurück. Seine Schirmmütze fliegt in hohem Bogen auf die Straße.

Jetzt! denkt Lammert. Mit einer hastigen Handbewegung reißt er den Führerschein wieder an sich. Er taxiert die Entfernung zu seinem Auto, vielleicht fünf oder sechs Meter. Er sprintet zur Fahrertür und reißt sie auf. Seine Hände zittern so stark, dass er nur mit Mühe den Zündschlüssel halten kann. Aber er muss ihn noch ins Schloss bekommen, trotz des Zitterns, bitte, lieber Gott, hilf mir, es geht um jede Sekunde!

Hinter sich hört er, wie die zwei Kreaturen bedrohlich schnaubend wieder auf die Beine kommen. Endlich, endlich, mach schon…der Schlüssel steckt, der Anlasser dreht sich, und kaum dass der Motor die erste Zündung hören lässt, tritt Lammert voll das Gaspedal durch. Mit kreischenden Rädern radiert sein Volvo den Asphalt und schießt vorwärts, hinaus in die rettende Sicherheit der Nacht.

Aber wohin jetzt? In dieser Gegend kennt Lammert sich nicht aus. Alles ist fremd, es gibt weder Ortsschilder noch Wegweiser. Noch dazu ist es dunkel wie in einem Eisenbahntunnel, auch wenn sich im Lichtkegel der Scheinwerfer immer wieder Zäune, Wiesen und Waldränder abzeichnen. Und dann kommt ein weiteres Licht dazu – ein blaues Licht, zuerst nur als schwacher Schimmer im Rückspiegel zu erahnen. Dann zunehmende Helligkeit. Das Zucken und Kreiseln. Die in Licht gebadete Drohung. Die Verfolger haben seine Spur aufgenommen.

Verkrampft und mit kaltem Schweiß auf der Stirn klemmt Lammert sein ganzes Gewicht zwischen Sitz und Gaspedal fest. Der Motor dreht bis in den roten Bereich, scheint vor Qual zu schreien und klingt plötzlich immer mehr nach dem Antriebsaggregat eines Rennwagens, jaulend und aggressiv. Fast dreihundert Sachen, liest Lammert entsetzt und verwirrt vom Tacho ab. So weit ging die Skala doch früher gar nicht.

Wenige Kilometer weiter steigt die Straße unvermittelt an und windet sich in Serpentinen einen Hügel hoch. Fassungslos registriert er, dass es ihm trotzdem gelingt, das Tempo zu halten. Aber seine Verfolger halten es auch; er muss weiter mit aller Kraft das Pedal durchtreten, um dem Blaulicht zu entkommen. Die Straße wird immer schmaler und steiler, schließlich hört auch der Asphalt auf.

Unvermittelt zerreißt die schwarze Wolkendecke, und im Mondlicht erkennt Lammert die Konturen seiner Umgebung wie auf einem gestochen scharfen Schwarzweißbild. Die Landschaft scheint von einem fremden Planeten zu stammen – Vulkane mit senkrechten Schornsteinen türmen sich ringsum; auch er selbst fährt im Kreis an einer senkrechten Bergwand entlang, nur noch Zentimeter vom Abgrund entfernt. Wo ist die Straße? Es gibt keine mehr. Da ist nichts als ein spiralförmiger, fußbreiter Vorsprung aus Fels und Schnee, immer mehr Schnee, der klatschend zur Seite spritzt. Aber sein Volvo kneift die Räder zusammen und schafft es, trotz des irrwitzigen Tempos auf dem schmalen Band die Balance zu halten.

Von hinten kommt das Blaulicht näher. Nein, es ist jetzt überall, der Widerschein lodert wie ein Menetekel auf Bergwänden und Wolkenfetzen. Lammerts rechte Hand fährt zum Beifahrersitz, krallt sich den Führerschein und umklammert ihn fest wie ein Schraubstock. Aber dadurch verliert er jäh die Kontrolle über sein Fahrzeug. Der Volvo giert, schlingert und rumpelt. Was ist das? Schleudern? Entgleisen? Verzweifelt reißt er das Lenkrad herum und versucht, dem todbringenden Abgrund auszuweichen. Aber zu spät – sein Wagen kracht funkensprühend über die Felskante und stürzt kilometertief, immer weiter und weiter, einem unendlichen Meer von erwartungsvoll kreiselnden blauen Lichtern entgegen.

Lammert spürt, wie sich reflexartig seine Blase entleert. Eine warme Flut strömt ihm zwischen die Beine, durchnässt die Hose und den Sitz. In seiner Todesangst will er einen Schrei ausstoßen, doch seine Stimme verzerrt sich zu einem hilflosen, heiseren, röchelnden Dröhnen. Es ist ein Geräusch, das ihm Angst macht, und es hört überhaupt nicht mehr auf. Es quillt tief von innen aus ihm heraus, ohne dass er es will; es dröhnt und brüllt und dröhnt und brüllt und dröhnt und brüllt…
——
Mit einem Ruck fuhr Bernd Lammert hoch und blickte sich hilfesuchend um. Das Licht blendete seine Augen; es war nicht blau, sondern von einem gedämpften, freundlichen Weiß. Lammert brauchte einige Sekunden, bis er die Orientierung wiedergefunden hatte. Endlich begriff er. Das war kein neuer Traum, sondern die Wirklichkeit. Das war sein eigenes Schlafzimmer, seine vertraute, kleine, friedliche Welt. Durch das offene Fenster drang das beruhigende, gleichmäßig hin und her wandernde Brummen eines Rasenmähers im Nachbargarten. Das also hatte ihn aufgeweckt. Eine unsagbare Welle von Erleichterung durchflutete seinen Körper und entlud sich in einem tiefen, befreiten Atemzug. Nichts war passiert, keine nächtliche Flucht, kein Absturz ins Bodenlose – nur ein Elektronengewitter in den Synapsen seines überforderten Gehirns.

Der Traum war vorbei, aber er wirkte nach. Lammert erinnerte sich plötzlich lebhaft, dass er vor lauter Angst das Wasser nicht mehr hatte halten können. Ein zu reales Gefühl, um nur geträumt zu sein. Hatte er etwa ins Bett gepinkelt? Voll banger Ahnung tastete er mit den Händen rings über das Laken, aber da war nur trockenes, warmes Leinen. Unglaublich, welche Streiche einem das Unterbewusstsein spielen kann, dachte er.

Neben ihm lag Sabine mit geschlossenen Augen auf dem Rücken, die Bettdecke halb heruntergeschoben. Er bewunderte ihr offenbar angeborenes Talent, störende Geräusche im Schlaf einfach zu überhören. Fast halb zehn, sah Lammert auf dem Display des Radioweckers. Aber was soll’s, dachte er. Es war Samstag, und das Ausschlafen hatten sie sich beide redlich verdient.

Sanfte Sonnensprenkel an den Wänden kündeten einen freundlichen Frühsommertag an. Lammert spürte, dass er dringend Bewegung brauchte. Er drückte die Schultern nach hinten und räkelte sich, dann schob er die Bettdecke ans Fußende und zog die Beine an. Behutsam und leise, um seine Frau nicht zu wecken, stieg er aus dem Bett, ging barfuß zum Fenster und spähte zwischen den beiden Vorhanghälften nach draußen. Blauer Himmel. Der Rasenmäher hatte sein Brummen eingestellt, nur noch Vogelzwitschern und Fetzen verwehter Stimmen waren zu hören. Ein perfekter Tag, dachte Lammert. Badewetter. Wir könnten einen Ausflug machen, vielleicht mal wieder an den Starnberger See.

Trotzdem beunruhigte ihn sein Alptraum. Seit über einem halben Jahr war er von den nächtlichen Attacken verschont geblieben, und er hatte es fast geschafft, sie zu vergessen. Dieser Rückfall erinnerte ihn fatal an die Zeit, als ihn die hartnäckigen Gespenster der Vergangenheit fast jede Woche heimgesucht hatten. Letzten Sommer war es so schlimm gewesen, dass er fast…aber diesen Gedanken wischte er hastig wieder weg. Er wollte ihn nicht noch einmal denken.

Ja, er hatte in den Gelben Seiten unter „Psychoanalyse“ nachgesehen. Er hatte sogar drei oder vier Telefonnummern notiert und wochenlang mit sich herumgetragen. Sinnloserweise, denn ihm war klar: Hätte er eine dieser Nummern wirklich angerufen, dann hätte er sich im gleichen Augenblick als Waschlappen empfunden und wäre vor Scham in den Boden gesunken. Er, Bernd Lammert, ein völlig normaler und vernünftig denkender Familienvater, auf der Couch beim Seelendoktor – gegen diese Vorstellung wehrte sich alles in ihm. Sie kam ihm vor wie eine Witzzeichnung, wie ein lächerliches und peinliches Klischee. Schließlich wusste er doch, dass keine verschütteten Kindheitserlebnisse sein Unterbewusstsein plagten, sondern nur ein leicht erklärbarer Schock.

Er überlegte. Schock? Oder Trauma? Vielleicht gab es einen besseren Fachausdruck dafür, aber ihm fiel kein anderes Wort ein. Auf jeden Fall hätte er nicht gewusst, was es da zu therapieren gab. Träume sind doch keine Krankheit, sagte er sich trotzig.

Auch für diesen neuerlichen Anfall gab es zum Glück eine simple und logische Erklärung. Er streifte sich den Morgenmantel über, zog die Hausschuhe an und schlurfte aus dem Schlafzimmer hinüber in sein kleines häusliches Büro. Leise öffnete er eine Schublade im Unterschrank des Schreibtischs und nahm noch einmal den Brief heraus. „Zeugenladung“, politisch korrekt auf Umweltpapier gedruckt. „Sie werden gebeten, sich in der Vermisstensache Katharina Wöhrl am Dienstag, 12. Juni, um neun Uhr im Kommissariat 114 einzufinden. Gezeichnet Rohleder, Kriminaloberkommissar.“ Dazu noch ein Absatz Kleingedrucktes, dem er entnahm, dass dieser Termin keineswegs freiwillig war, sondern bei unentschuldigtem Fernbleiben eine Bestrafung drohte.

Aber was wollten sie überhaupt von ihm wissen? Das Ganze war doch absurd. Lammert hatte sofort bei der Dienststelle angerufen, weil er überzeugt war, nicht das Geringste zur Aufklärung des Falles beitragen zu können. Aber nein, sie hatten auf seinem persönlichen Erscheinen bestanden. Es ging um ein Mädchen, das seit der Nacht vom neunten auf den zehnten Dezember des vorletzten Jahres vermisst wurde. Genau jener Nacht, die er eigentlich hatte abhaken wollen. Die Nacht seiner ständig wiederkehrenden Alpträume, die er im Schlaf so oft in grotesk verzerrten Szenarien durchlebt hatte. Überall kreiselndes Blaulicht, und er mittendrin, am Steuer seines Wagens. Mit einem Alkoholpegel, der…

Unwillkürlich hieb er mit der Faust auf die Schreibtischplatte. Schluss jetzt damit! Komm zu dir, Bernd Lammert! Du kannst dich doch nicht ewig mit dieser blöden Geschichte herumschlagen!

„Mami…?!“ vernahm er von unten aus der Küche die klagende Stimme seiner Tochter. „Nein, ich bin’s, Tanja“, rief er zurück und schloss die Schublade mit einem hastigen Ruck. „Mami schläft noch. Wir kommen gleich.“ Tanja ließ einen Laut der Missbilligung hören. „Ich bin schon seit drei Stunden auf. Und gefrühstückt hab ich auch.“

Cornflakes mit Milch wahrscheinlich, dachte Lammert und schüttelte sich bei dem Gedanken. Aber achtjährige Kinder hatten eben Bedürfnisse, die vielleicht mit Wachstumshormonen zusammenhingen und sich ihm als Erwachsenem nicht mehr erschlossen. Den Badeausflug sah er schon lebhaft vor sich: Tanja würde sich auf jeden Fall eine Tüte Pommes Frites mit reichlich Mayonnaise einverleiben. Vielleicht auch etwas Ähnliches mit noch mehr Fett und Leerkalorien. Schauderhaft.

Die Tür des Schlafzimmers öffnete sich, und Sabine kam im Morgenmantel mit energisch hochgereckten Armen heraus. „Meine Güte, hab ich lange geschlafen“, sagte sie gähnend, „ich bin ganz steif.“

„Was heißt lange?“ Er zuckte mit den Schultern und sah sie mit leichter Belustigung an. „Waren wir nicht erst gegen halb zwei im Bett?“

Der gestrige Abend hatte sich tatsächlich ungewohnt in die Länge gezogen. Nach Wochen gleichförmigen Familienlebens, teils vor dem Fernseher, teils mit Besuch von Freunden oder Nachbarn, waren sie endlich wieder einmal in die Stadt gefahren und hatten sich im Kino einen abendfüllenden Hollywoodfilm gegönnt. Einschließlich der Werbung mindestens zwei Stunden lang, schätzte Lammert.

Um Tanja hatte sich ihre alte Nachbarin, Frau Mészöly, gekümmert. Die Mészölys stammten aus Györ in Westungarn und hatten es vor langer Zeit während der Kádár-Diktatur geschafft, nach Deutschland zu flüchten. Im vergangenen Jahr war der Mann gestorben; Nachkommen gab es nicht, und so richtete Frau Mészöly ihre ganze Zuwendung auf die Kinder in ihrer Nachbarschaft. Es war für sie ein Stück Lebensinhalt, sich mit ihnen zu unterhalten, ihnen etwas zu schenken und bei Bedarf auch Ersatzoma zu spielen. Wann immer in ihrer Straße ein Babysitter gebraucht wurde, stellte sie sich gern zur Verfügung.

Lammert plagten leichte Gewissensbisse, als sie nach einer dreiviertel Stunde Heimfahrt über die Dörfer endlich zu Hause waren. Die Uhr ging deutlich auf Mitternacht zu. Spätestens um elf, hatten sie Frau Mészöly bei der Abfahrt versprochen. Eher halb zwölf, hatte es Lammert geschwant, als der Mörder nach vielen Winkelzügen endlich überführt war und der Abspann zu laufen begann. Und nun war es noch später geworden. Aber Frau Mészöly schien sich dessen kaum bewusst zu sein. Mit einem strahlenden Lächeln, das ihrem siebzigjährigen Gesicht immer noch einen Anflug von Jugendlichkeit gab, begrüßte sie die beiden an der Haustür.

„Das war ein wunderschöner Abend für mich“, schwärmte sie. „Tanja ist ja so bezaubernd, ich bin wirklich gern mit ihr zusammen.“ Sie sagte „bezaubärnd“ und „gärn“ mit leicht gedehntem Vokal, was ihre Worte noch warmherziger klingen ließ.

Ein verstecktes Schmunzeln huschte Lammert durch den Kopf. Ja, Tanja konnte sehr lieb und sehr blond sein, wenn sie dazu in der Stimmung war. Dass achtjährige Mädchen auch weniger engelhafte Seiten hatten, war Frau Mészöly bei ihren Babysitter-Jobs zum Glück entgangen. Gerade ihre unerschütterliche Freundlichkeit verlieh ihr eine Autorität, die boshafte kleine Gedanken an Provokation und Frechheiten von vornherein unterdrückte.

Sabine war nach dem Kinobesuch immer noch aufgekratzt, und auch er selber verspürte keine Bettschwere. Im Keller lagen noch zwei Flaschen australischer Rotwein; mit ein paar Gläsern ließ sich zwischen Kino und Schlafengehen eine willkommene Brücke bauen. Der Film provozierte einfach zur Diskussion, und sie ergingen sich am Wohnzimmertisch mit ziemlicher Verve über das Für und Wider, ohne auf die Zeit zu achten. Das perfekte Verbrechen – ein schöner, schnörkelloser Titel, da waren sie sich einig. Lammert fand den Streifen effektvoll gemacht und die Schauspieler großartig, aber für seinen Geschmack war die Story übertrieben. Er konnte es nicht genau in Worte fassen, hatte aber das sichere Gefühl, dass es so superintelligente, mit der Präzision eines Computers berechnende Mörder in Wirklichkeit nicht gab.

„Wieso nicht?“ wandte Sabine ein und nippte an ihrem Shiraz. „Was man so aus der Zeitung an Verbrechen mitkriegt, ist doch manchmal noch viel grausamer.“
„Ich rede ja nicht von Grausamkeit. Die eigene Ehefrau umzubringen, ist immer scheußlich, klar. Aber dass einer im Voraus alles so genau durchkalkuliert, und das in so kurzer Zeit…nee. Ich glaub, das schafft nicht mal ein Schachweltmeister.“

„Na ja, aber wenn es ein Nullachtfünfzehn-Mörder wäre, würde sich doch niemand für den Film interessieren.“ Lammert zuckte die Schultern.

„Meinst du wirklich? Es gab doch weiß Gott schon andere Krimis, die nicht so überspitzt waren. Ich sag dir: Wer jemand aus Eifersucht umbringt, rastet immer irgendwie aus. Der ist nicht mehr voll zurechnungsfähig. Und wenn er einen IQ von hundertachtzig hat.“
„Kann ja sein. Aber wenn das Ausrasten den IQ auf hundertvierzig runterdrückt, ist er immer noch ein Genie. Wie intelligent bist du zum Beispiel?“
„Weiß ich nicht“, gab er ungehalten zurück. Sabines Anspielung passte ihm nicht. „Ist mir auch egal, solange es zum Geldverdienen reicht. Also schön, dann war das eben ein Superhirn. Wie Einstein. Aber Einstein hätte bestimmt keinen Mord begangen.“ „Woher willst du das wissen?“ „Mein Gott…eben weil er so intelligent war.“ „Gerade hast du noch was anderes gesagt.“
Sie spürten, dass sich ihre Diskussion im Kreis zu drehen begann. Unvermittelt herrschte Schweigen. Gedankenverloren schlürfte Lammert die letzte Pfütze Rotwein aus seinem Glas. In die fast hörbare Stille drangen Traumfetzen aus seinem Innersten, die ihm beunruhigend vertraut waren. „Nur zwei oder drei Becher Glühwein…“ hallte eine ferne Stimme in irgendwelchen Tiefen seines Bewusstseins. Fast gleichzeitig durchströmte ihn wohlige Erleichterung: Egal, er war zu Hause. Er musste nirgendwo mehr hin.

Lammert blickte auf die Wanduhr. Es war bereits nach eins. Hoffentlich, dachte er, hatten sie Tanja mit ihrem lautstarken Wortwechsel nicht geweckt.
„Zeit, ins Bett zu gehen, oder?“ Sabine erhob sich aus ihrem Sessel. Er nickte und spürte im selben Moment den unwiderstehlichen Drang zu gähnen. In Hausschuhen und jedes Geräusch vermeidend, schlichen sie über die sanft mitwippende Ahorntreppe ins Obergeschoss. Sabine drückte vorsichtig die Klinke der Kinderzimmertür nieder und warf einen Blick durch den Spalt, dann nickte sie ihrem Mann zu und legte einen Finger auf die Lippen.
——
Das späte Frühstück genossen sie bei herrlichem Sonnenschein auf der Terrasse. Tanja hatte sich schon wieder in ihr Zimmer verzogen und sah sich irgendwelche Kindervideos an. Ein paar Gärten weiter in der Reihenhauszeile ertönte das mehrfache Ruckeln und Schnorcheln eines Anlassers, dann nahm der zweite Rasenmäher dieses Morgens angestrengt brummend seine Arbeit auf.

Lammert dachte noch einmal an sein Telefonat von neulich, sein verständnisloses Fragen in der zuständigen Dienststelle. „Wenn wir Ihre Zeugenaussage aufnehmen, hat das schon seinen Grund“, hatte ihn der Beamte formell und sachlich beschieden. „Inwieweit sie verwertbar ist, wird sich dann ja zeigen.“

Er überlegte, ob er Sabine nicht doch von der Vorladung erzählen sollte. Schließlich gab er damit nichts preis, was sie nicht hätte wissen dürfen. Die ganze Konstellation schmeckte ihm nicht: am Dienstag hatte er Innendienst; es war eine Art Jour fixe mit Vertriebsmeeting, Vor- und Nachbereitung. Sabine wusste das genau. Was würde passieren, wenn sie zufällig im Büro anriefe, und er wäre nicht da? Vermutlich würde sein Kollege Martin Wündrich das Gespräch annehmen, wie schon so oft. „Ihr Mann? Ach, ich glaube, der ist beim Arzt… kann ich ihm etwas ausrichten?“ Peinlich. Sabine würde ihn natürlich fragen, was ihm fehlte und warum er den angeblichen Arzttermin für sich behalten hatte. Er hätte keine glaubwürdige Ausrede gewusst.

Natürlich könnte er Wündrich darauf einschwören, nichts zu sagen, aber was würde der von ihm denken? Andererseits hatte Lammert keine Lust, die Dämonen seiner Alpträume auch noch mutwillig auf den Plan zu rufen. Je mehr er darüber reden würde, erst recht mit Sabine, desto öfter würden sie zurückkommen und ihm weitere nächtliche Horrorvisionen bescheren. Blöde Situation. Lammert beschloss, es darauf ankommen zu lassen.

„He, was ist los?“ Sabines Stimme riss ihn jäh aus seiner Grübelei. Lammert merkte, dass er bestimmt eine halbe Minute lang sein Marmeladenbrötchen angestarrt hatte, ohne sich dessen bewusst zu sein. „Geht dir immer noch der Film im Kopf herum?“
Er riss sich zusammen. „Ach was, der ist doch längst abgehakt. Mir fiel nur gerade ein Problem in der Firma ein…hat nichts mit mir zu tun, nur indirekt. Manchmal kommen einem solche Sachen wirklich erst dann hoch, wenn man nicht mehr mitten in der Arbeit steckt.“
Sabine nickte verständnisvoll. Bis zu ihrer Schwangerschaft waren sie beide berufstätig gewesen. Ebenso wie er hatte sie eine Kaufmannslehre durchlaufen, die ersten Sporen in der gleichen Firma verdient und sich beharrlich in den Gehaltsstufen nach oben gekämpft.

Auch als sie nicht mehr nur Kollegen waren, sondern ein Liebespaar und schließlich Herr und Frau Lammert, hatte sich daran wenig geändert. Sie konnten beide hart arbeiten, und sie hatten es getan. Ihre ersten drei Ehejahre, noch ohne Tanja, waren mehr mit der täglichen Mühsal des Geldverdienens als mit Privatleben ausgefüllt gewesen. Anders hätten sie den Grundstock für ihr kleines Reihenhaus in Miesbach auch nie zusammengebracht. Aber jetzt gehörte es schon zu einem großen Teil ihnen, die Raten waren überschaubar, und vor allem bekleidete Lammert inzwischen eine wesentlich bessere Position.

Vor drei Jahren hatte er nicht nur die Firma gewechselt, sondern von seinem neuen Arbeitgeber, einer technischen Handelsfirma, auch die Chance bekommen, sich zum Vertriebskaufmann fortzubilden. Das dreimonatige Büffeln hatte sich gelohnt. „District Sales Manager“ stand nun mit pompös globalem Anspruch auf seiner Visitenkarte, was sein Selbstwertgefühl noch um einige Millimeter mehr hob, als es jede deutsche Bezeichnung vermocht hätte. Jedenfalls war er jetzt nicht mehr nur ausführendes Organ, sondern trug selber Verantwortung, traf Entscheidungen und konnte den Erfolg des Unternehmens kreativ mitgestalten. Er betreute einen großen Kundenstamm, der Umsatz, Gewinn und damit Macht bedeutete. Macht, von der auch er selber jetzt einen Zipfel in der Hand hielt.

Seitdem fühlte sich Lammert in Teilen als neuer Mensch – innerlich größer und im Denken weiter, den Blick mehr auf die Zukunft als auf die Gegenwart gerichtet. Immerhin stand er jetzt auf der ersten Sprosse einer Karriereleiter, die ihn bis zum Posten des Vertriebsleiters führen konnte. Keine schlechte Bilanz für die ersten dreiunddreißig Lebensjahre. Und das musste nicht einmal die Endstation sein, sagte er sich manchmal, wenn der Optimismus nach einem besonders erfolgreichen Tag in ihm überschwappte. Hauptsache, er bliebe schwindelfrei.
——
Natürlich verschlang Tanja im Strandbad mit der üblichen Wollust ihre Pommes frites, dick Mayonnaise und Ketchup obendrauf. Alles andere hätte ihn auch gewundert. Sie lagen auf einer Bilderbuchwiese voller Gänseblümchen am Ostufer des Sees, aber das ersehnte Baumeln mit der Seele gelang ihm nicht. Seine Gedanken kreisten vorwärts und rückwärts zugleich, vermischten dumpfe Ahnungen und bedrückende Träume zu einer vibrierenden Unruhe. Die Gedankenwellen begannen sich gleichförmig zu wiederholen, pulsierten fast rhythmisch und lullten ihn schließlich ein.

Der Termin. Das Polizeipräsidium. Wie viele Stockwerke mag das Gebäude haben? Fünfzig? Hundert? Lammert kommt sich zwergenhaft vor; die bunkerhafte Architektur des gewaltigen Komplexes drückt ihn nieder und presst den letzten Rest Selbstbewusstsein aus ihm heraus.

„Wo wollen Sie denn hin?“ herrscht ihn ein uniformierter Pförtner ungehalten an.
„Ich…ich habe eine Vorladung…“ stammelt er.
„Und Sie sind sicher, dass Sie nichts getrunken haben?“
Ein Glas Glühwein, will Lammert zerknirscht gestehen, aber rechtzeitig durchzuckt ihn die Erkenntnis: Wir haben Anfang Juni! Seit wann trinke ich im Sommer Glühwein? Abartiger Gedanke.
Sein Zögern hat den Pförtner noch misstrauischer werden lassen. „Bevor ich sie reinlassen kann, blasen Sie bitte hier in dieses Messgerät. Das fehlte gerade noch, dass Sie unter Alkoholeinfluss stehen.“
Wütend nimmt Lammert das Messgerät in die Hand und bläst mit vollen Backen. Er bläst und bläst; der kleine Kasten schwillt an und bläht sich auf, wird groß wie ein Ballon, und dann zerplatzt er in tausend Stücke; ein spritzender Schwall Glühwein ergießt sich über Lammert und durchnässt ihn bis auf die Haut.
—-

„Brrrr! Tanja!“
Das kalte Seewasser beendete seinen Tagtraum abrupt.
Tanja hatte die Mulde in ihrem aufblasbaren Badekrokodil damit gefüllt und ihm die nasse Fracht über den Bauch geschüttet. Wieder mal eine von ihren beliebten neckischen Überraschungen. Offenbar machte er ein ziemlich dummes Gesicht, denn Sabine war kurz vor einem Lachanfall.

„Ja, ja“, brummte er leicht verlegen, „ich war nur kurz eingedöst.“ „Und das nach so viel Schlaf letzte Nacht!“ Sabine schüttelte immer noch glucksend den Kopf. Er zuckte wortlos die Achseln. Was wusste sie schon von dem Angsttraum, der seine Nachtruhe in eine nervenzerreißende Geisterbahnfahrt verwandelt hatte?
„Kommt ihr mit ins Wasser?“ drängelte Tanja ungeduldig. „So rumliegen ist doch langweilig.“

Er nickte und mühte sich, vom Badelaken hochzukommen. Sein rechtes Bein war eingeschlafen und fühlte sich an wie ein Schlauch Mineralwasser mit zuviel Kohlensäure. Als sich seine Adern endlich wieder mit frischem Blut gefüllt hatten, klatschte er entschlossen in die Hände und lief los.
Tanja hatte im letzten Sommer schwimmen gelernt; weder er noch Sabine brauchten sich also Sorgen um sie zu machen, wenn sie allein ins Wasser ging. Aber dies war ein Familienausflug. Dreisamkeit, verdammt noch mal! Er musste plötzlich lachen und spürte erleichtert, wie seine düsteren Gedanken hinter dem Horizont seines wachen Bewusstseins untertauchten. Mit gewollt komischem Kriegsgeheul schnappte er sich Tanjas Badekrokodil und sprintete gischtend durch das seichte Uferwasser.

„Wer kriegt mich?“
„Du bist gemein, Papi!“ schrie Tanja übermütig. Wenig später hatte sie ihn eingeholt und balgte sich mit ihm jauchzend um das Plastikreptil.

Es wurde ein schöner Nachmittag. Die Berge glänzten seidenblau über dem See, und alle drei genossen das Planschen und Schwimmen in der kühlen grünen Frische. Bis Lammert in den Augenwinkeln plötzlich etwas wahrnahm, das ihn mit einer Mischung aus Faszination und Verwirrung erfüllte. Eine rothaarige junge Frau, bemerkenswert hübsch und eigenartig vertraut. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Wo hatte er die schon mal gesehen? War sie vielleicht ein Model oder eine Filmschauspielerin? Für einige Sekunden starrte er das Gesicht der Fremden unwillkürlich an, vermochte es aber nicht einzuordnen. Sie schien seinen Blick zu spüren und wandte sich mit gerümpfter Nase ab.
„Bernd, was ist?“ hörte er Sabines arglose Stimme von irgendwo her. „Verguckst du dich gerade in eine Badenixe?“
„Ach was“, wehrte er ab und versuchte zu grinsen. Aber die mühsam erreichte Unbeschwertheit der vergangenen zwei Stunden wollte sich nicht mehr einstellen. Irgend etwas hatte seine gelöste Stimmung unterbrochen, und bis zur Heimfahrt fand er keine Nahtstelle, um daran wieder anzuknüpfen. Wir bescheuerten Erwachsenen, dachte er und warf im Rückspiegel einen wehmütigen Blick auf seine Tochter. Warum müssen wir Probleme haben, die ihr Kinder nicht versteht? Andererseits: Habe ich denn überhaupt eins? Oder mache ich es mir nur?

Blaues Licht. Blendendes Zucken, Drehen, Kreiseln. Ein blökendes Martinshorn, das mit jäh abfallender Tonhöhe vorbeijagt. Sabines alarmierte Stimme auf dem Beifahrersitz. „He, pass doch auf!“
„Was…?“ fragte er geistesabwesend. Der Einsatzwagen verschwand mit blauem Blinken in der Ferne. Ein Notarzt.
„Da hinten hätten wir abbiegen müssen. Oder wo willst du hin?“
„Ach ja – Scheiße.“
„Und lass die Kraftausdrücke, wenn Tanja dabei ist.“
Zu spät, er hatte Tanja ein willkommenes Stichwort gegeben. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ krähte es fröhlich aus dem Kindersitz.
Sabine drehte den Kopf um und sagte nur „Tanja..!“ Ihr Tonfall genügte, um das Krähen abzustellen.
Lammert ärgerte sich über seinen unnötigen Blackout. Jetzt sah er seine Traumgespenster schon bei vollem Bewusstsein, und das bei einem harmlosen Notarztwagen. Vollkommen irrational. Wenn er nur endlich diese idiotische Zeugenvernehmung hinter sich hätte!
Er bog rückwärts in einen schmalen Feldweg ein und korrigierte seinen Fehler.
——
Die beiden folgenden Nächte verliefen ohne Alptraum. Jedenfalls konnte sich Lammert beim Aufwachen nicht erinnern, überhaupt etwas geträumt zu haben. Das Wochenende ging vorbei; er kniete sich wieder in seine Arbeit und war froh, dass es viel zu tun gab. Vor allem tat ihm die Abwechslung gut – zwei Kundenbesuche standen an, beide im weiteren Umkreis und so interessant, dass die Gespräche und ihre Nachbereitung sein Denken vollauf in Anspruch nahmen. Bis zum Montagabend.

Mit jeder Minute, die verging, sehnte Lammert seine Vernehmung jetzt mehr herbei. Danach würde endlich Ruhe herrschen. Das Drama, das sich nie abgespielt hatte, sondern nur als bedrohliche Ahnung in seinen Träumen wütete, konnte endgültig hinter dem Vorhang verschwinden.

Der Termin. Das Polizeipräsidium. Er hockt in einem fahl erleuchteten Raum ohne Fenster, karg möbliert und eng wie eine Gefängniszelle. Der Kommissar, der ihn vernimmt, hat sich über die Tischplatte vorgebeugt und fixiert ihn mit stahlhartem Blick.
„Wir wissen, dass Sie in der besagten Nacht volltrunken am Steuer gesessen haben“, herrscht er Lammert an. „Dafür gibt es jede Menge Zeugen. Geben Sie es nun zu oder nicht?“
„Nein!“ wehrt Lammert hilflos ab. „Das ist doch ein abgekartetes Spiel! Ich hatte nur zwei, höchstens drei Becher Glühwein…“
„Mit Schuss, nicht wahr?“ insistiert der Beamte mit boshaftem Lächeln. „Das ist eine besonders heimtückische Mischung. Und ganz sicher war das auch nicht alles.“
Er bedeutet ihm, aufzustehen. Wortlos öffnet er die Tür zum Nebenraum und winkt Lammert mit einer knappen Geste heran. Lammert kommt angstvoll näher und blickt in ein diffuses, graues, bedrohliches Halbdunkel. Der Kommissar packt ihn am Ärmel und stößt ihn unnachsichtig in den Raum. Es ist eine Halle, erkennt Lammert, als sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt haben – eine große Halle, fast wie in einer Fabrik, mit einer gewundenen Förderanlage an der Decke. Die Autofabrik, die er heute nachmittag besucht hat! Aber da stimmt etwas nicht…diese gezackten Greifer an der Förderanlage, dieser riesige Kasten mit den Zahnrädern und Mahlwerkzeugen…
„Was ist das?“ fragt Lammert verstört.
„Eine Foltermaschine“, erklärt ihm der Kommissar mit eisiger Stimme. „Wussten Sie nicht, dass Lügner wie Sie bei uns gefoltert werden?“
„Nein!“ schreit Lammert außer sich vor Angst. „Das ist illegal! Ich hab nichts verbrochen!“
„Sie waren betrunken unterwegs und weigern sich jetzt auch noch, in der Vermisstensache auszusagen. Das reicht!“
„Aber ich weiß doch nichts!“ brüllt Lammert mit dem letzten Aufgebot seiner Kräfte. Zu spät. Mit metallischem, dumpfem Scheppern und Rasseln beginnt die Anlage zu laufen, greift seinen Körper mit stählernen Zangen und befördert ihn unaufhaltsam in die Maschine. Eine riesige schwarze Öffnung saugt ihn auf. Mechanische Schlachtermesser und knochenbrechende Werkzeuge stürzen sich auf Arme, Beine, Kopf und Rumpf.

Lammert wird systematisch zerstückelt, spürt, wie er sich langsam und unwiderruflich in Fleischfetzen und Blut auflöst. Es tut nicht weh, sondern macht ihn nur unendlich traurig. Das ist nun also das Ende meines Daseins, denkt er resigniert. Es gibt mich nicht mehr. Aus und vorbei. Er beginnt zu weinen wie ein kleines Kind, hemmungslos schluchzend, bis ihm Rotz und Wasser über das Gesicht laufen.
Die Maschine spuckt ihn wieder aus, er schwebt am Förderband hoch oben durch die Halle. Aber jetzt ist es keine Fabrik mehr, sondern ein mittelalterliches Verlies mit uralten, dicht gefugten Mauerquadern. Brennende Pechfackeln werfen ein geisterhaft torkelndes Licht auf die Szene. Das höhnische Lachen des Kommissars bricht sich als unheimliches Echo im fernen Deckengewölbe; es klingt wie die Glocken einer Kathedrale, die mit menschlichen Stimmen läuten.
Lammert windet sich und kämpft in Panik wie ein gefangenes Wild. Mit einem heftigen Ruck gelingt es ihm, sich aus den stählernen Halteklauen zu befreien, und er fällt krachend auf den Boden. Unmöglich, dämmert es ihm vage. Mein Körper ist doch gar nicht mehr da, oder hab ich das geträumt?
„Na, sind wir jetzt bereit zur Aussage?“ Schadenfroh grinsend und mit selbstgefällig verschränkten Armen steht der Kommissar über ihm.
In Lammert explodiert etwas. Eine heiße Welle rasender Wut überflutet seinen Kopf. „Du Schwein!“ brüllt er, springt seinen Folterer an, umklammert seinen Hals mit beiden Händen, würgt und würgt ihn mit aller Kraft, bis der Kommissar in sich zusammensackt wie eine schlaffe, willenlose Puppe. Aber Lammert lässt nicht los, sondern presst immer noch wie ein Besessener den erkaltenden Hals zusammen, bis dem Kommissar ein dünner Blutfaden aus dem verkrampften Mund läuft. Seine plötzliche Mordlust erschreckt ihn und lässt zugleich überwältigende Genugtuung durch seine Adern strömen; es ist ein triumphierendes, fast erotisches Gefühl. Das hast du davon, denkt er außer sich, das alles hier ist illegal, ich habe ein Recht auf Notwehr!
——
Als er aufwachte, spürte Lammert sein Herz bis in die Trommelfelle schlagen – ein wildes, panisches, atemloses Pochen. Sein Mund war so trocken, dass ihm die Zunge fast am Gaumen klebte. Wo hatte er die rechte Hand? Dumpf und wie in Zeitlupe kam ihm zu Bewusstsein, dass er damit sein erigiertes Geschlechtsteil umklammerte. Er ließ los und sah auf den Radiowecker. Zwei Uhr nachts.

Im schwachen grünen Lichtschimmer der Anzeige konnte er Sabines Konturen erahnen. Die Nacht war so warm, dass sie sich kaum zugedeckt hatte. Ihre langen blonden Haare verteilten sich dicht und regellos auf dem Kopfkissen. Lammert versuchte, die Linien ihres nackten Körpers mit den Augen nachzuzeichnen. Er war jetzt hellwach und fand keine Brücke mehr zum Schlaf. Das erwartungsvolle, wohlig steife Gefühl zwischen den Beinen ließ nicht nach. Nachdem er es bewusst geortet hatte, schien ihm seine Erektion noch stärker, sein beschleunigter Herzschlag und sein pelziger Mund noch zwingender mit sexueller Erregung verbunden. Verrückt, dachte er, aber irgend etwas muss jetzt passieren.

Als er Sabine damals kennen gelernt hatte, war ihre erotische Ausstrahlung intensiv und aufreizend gewesen – noch mädchenhaft wie eine kaum geöffnete Knospe, aber damit umso verheißungsvoller. Später, im Lauf der Jahre, hatte sie eine feminine Aura hinzugewonnen, die mit der Geburt von Tanja ihren Höhepunkt erreichte und ihm erschien wie eine Frucht aus dem Paradies. In dieser Zeit, während ihre kleine Tochter langsam sprechen und laufen lernte, empfand er den ehelichen Sex als das Lustvollste und Beglückendste, was er sich je hätte vorstellen können. Eigentlich hatte sich daran auch nichts geändert – wenn da nur nicht diese frustrierenden, zunehmenden Zwischenräume gewesen wären…

Er streichelte ihre Brüste, sanft und mit leiser Scheu, als wolle er vermeiden, sie zu wecken. Als er spürte, wie ihre Brustwarzen sich aufrichteten, konnte er nicht länger an sich halten. Er presste sich eng an Sabine und begann ihren Körper mit suchenden Küssen zu bedecken. Zu seiner Überraschung und Erregung erwiderte sie seine Zärtlichkeiten, ohne einen Laut des Unwillens oder Erstaunens von sich zu geben. Sie konnte nicht fest geschlafen haben, vielleicht hatte sie sogar mit geschlossenen Augen wach gelegen. Ihre nackten Körper fanden sich, und innerlich jubelnd wusste er, das es diesmal kein Zurück mehr geben würde. Endlich.

Vor einigen Jahren hatten ihre sexuellen Beziehungen einen Knick erlitten. In Sabines Empfinden spielte er vielleicht nur eine untergeordnete Rolle, aber Lammert spürte die Veränderung um so schmerzlicher. Ovariektomie, die Wegnahme eines Teils ihrer Weiblichkeit. Sabines Arzt hatte den Eingriff empfohlen, nachdem sich gutartige Veränderungen an ihren Eierstöcken gezeigt hatten. Eine vorbeugende Maßnahme, nichts Riskantes. Also hatten sie beide zugestimmt, zumal ihre Lebensplanung ohnehin kein zweites Kind vorsah. Und dann war etwas eingetreten, das man sicher nicht direkt als Komplikation bezeichnen konnte, aber ein Kollateralschaden war es allemal. Nachlassende Libido. Längere Anläufe. Ein Schatten auf Lammerts Eheglück. Er nahm ihn hin, schließlich war er kein Egoist, und Gefühle ließen sich nicht erzwingen. Außerdem hatten sie ja nach wie vor guten Sex. Kurz gesagt, es war alles wie früher, nur wollte Sabine nicht mehr so oft. Wenn er ganz ehrlich war, musste er sich eingestehen: eher selten.

Umso beglückter empfing er jetzt ihre eindeutigen Signale. Sabines bejahendes Stöhnen verhieß ihm eine Gemeinsamkeit, wie sie vielleicht nur aus dieser spontanen Regung des Augenblicks entstehen konnte. Das Ungeplante, Plötzliche ihrer Vereinigung erregte Lammert zusätzlich und trieb ihn zu einer Hemmungslosigkeit, wie er sie lange nicht mehr gespürt hatte. Schweißnass, atemlos, gierig stieß er sich dem ersehnten Ziel entgegen, bis er jäh, mit rasendem Puls, die Schallmauer zum Höhepunkt durchbrach. Seine Wollust entlud sich in heißen Stoßwellen, schoss mit fast schmerzhafter Wucht aus ihm heraus, in einem ekstatischen Taumel, der ihm nahezu die Besinnung raubte.

Sabine kam fast im selben Moment. Mit einer Eruption von spitzen, wimmernden Schreien umkrampfte sie sein zuckendes Glied, während sich jede Faser in ihm bemühte, die Wonne des Gipfelritts bis zur letzten Sekunde auszukosten. Erschöpft und keuchend fielen sie endlich in die Kissen zurück, sprachlos, noch immer gebannt von ihrem überwältigenden Zweiklang der Leidenschaft.

Wer weiß, wie lange es vorhalten muss. Ohne es zu wollen, vernahm Lammert in seinem Inneren wieder die Stimme der Frustration, und fast schlagartig machte sein Rausch einem ernüchternden Gefühl der Leere Platz. Aus. Vorbei. Herr Lammert, was wissen Sie über die Nacht des neunten Dezember zweitausendfünf?
Ab morgen nachmittag würde er alles daran setzen, die Frage endgültig zu vergessen.

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